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Alte Kamellen
#1
In der letzten Runde mit alten Fussballjungs hatten wir uns wieder mal über alte Geschichten in den Haaren. Es ist erstaunlich, dass selbst bei 20 Jahre alten Dingern, kein einstimmiger Hergang zu ermitteln ist.

Wir hatten eine Geschichte aus den 90ern am Wickel. Halle spielte damals in Weissenfels. Ein Teil der Weissenfelser fuhr damals mit Chemie und der Rest hatte andere Vereine (2..3 Leute zB bfc). Insgesamt konnten die Jungs aber um die 30 Leute für Fussballkrawalle aktivieren.

Mit Halle bestand zu der Zeit eine wohl schon historische Fehde. Daher war hier eine Konfrontation schon vorprogrammiert. Zudem gab es wohl auch einen Aufreger aus dem Hinspiel in Halle, wo man von Halle durch die Stadt gejagt wurde.

Um sich besser aufzustellen, wurde also alles an willigem Volk von Chemie zur Verstärkung herangekarrt.

Da zu der Zeit eine gegenseitige Unterstützung von Dresdnern und Chemikern bestand, waren diese ebenfalls mit von der Partie.

Halle wurde von Lok begleitet.

Warum die Sache derart eindeutig ausging war der Grund der Uneinigkeit in der Runde. Würde ich morgen dann genauer Ausführen.  Wink
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#2
Über die Zahlenangaben wurden wir uns einfach nicht einig. Wobei ich mit allem Abstand langsam die Argumente der Lokies akzeptieren kann.

Sicher ist, dass die wsf'er Seite damals um die 70 Leute waren. Da vermutlich die Polizei das Spiel sicherheitstechnisch nicht auf der Karte hatte, konnte man sich ohne entsprechende Begleitung auf der Strecke zwischen Stadion und Bahnhof sammeln.

Es gab an der Ecke, wo wir gewartet haben, einen Park und Kleingärten. Es stand wohl auch ziemlich fest, welchen Weg die Hallenser+ wohl kommen werden. Die Hauptstraße stieg in dem Bereich ziemlich an und wir warteten in einer Nebenstraße, die auch nochmal eine Steigung hatte. Rein technisch hätten wir uns die Straße runterrollen lassen können. Von der Hauptstraße aus waren wir nicht zu sehen.

Irgendwann kam Aufregung auf, da Leute die am Bahnhof "schmiere" standen, die Meldung durchgaben, das der Mob von Lok und Halle unterwegs wäre. Die geschätzten Zahlen sprachen von 100 bis 150 Radaubrüdern. Ich weiß nicht, wie die Bullen heutzutage so einen Haufen kategorisieren würden. 50 katc und 100 katb? Unser Haufen bestand auf jeden Fall aus 100% selbsternannten Hooligans. Die Jungs von Lok wiederum benennen ihre Zahl von damals ebenfalls mit 70 Leuten. Und hier muss ich Ihnen im nachhinein wohl Recht geben. Das Potenzial für 150 mann hatte Lok immer, und beim ersten Sichtkontakt war die Strasse auch voll mit Leuten, doch 150 für die Unterstützung von Halle nach wsf zu lotzen, ist eher unwahrscheinlich. Ich hätte mich persönlich natürlich lieber von einem ü100 Haufen durch die Kleingärten jagen lassen.

Auf jeden Fall kam Unruhe in den Haufen. Der "Feind" war gesichtet. Unsere Position in der Nebenstraße am Park machte uns solange unsichtbar, bis man die Einmündung in die Haupstraße erreichte. Nun gab es keine Hierarchien, die verhindert hätten, dass ein aufgeregtes 70kg Bübchen vor zur Ecke rennt. Bei Sichtkontakt mit 2 Hallensern, die locker 100m vor dem Mob unterwegs waren, machte er das Treiben verrückt. In den nächsten paar Sekunden stürzten sich auch sicher 10 Mann auf die beiden. Der Rest wurde aber nach dem Erreichen der Hauptstraße schnell ernüchtert. 

Einer der Reiseleiter der Dresdner fragte mich damals, wähend er alle Leute anfeuerte um die Ecke zu rennen, ob ich denn nicht meine Brille abnehmen und mit dem Draufrennen berinnern wollte. Das ich wusste, dass ich das nicht musste, nahm das Endergebnis irgendwie schon vorweg. Ich hatte den Tag einen eingeschienten Finger (ist eine lustige andere Geschichte) und war eher zum Alibi und wegen der sozialen Kontakte mit. Und durch das Wissen, dass die meiste Rennerei kurz vor dem Aufprall eh in einer Vollbremsung endet, hatte ich auch alle Zeit der Welt. An der Ecke angekommen, bot sich dann eben auch ein Bild, dass dem einen oder anderen die Lust auf Kontakt mit Lok und Halle verhagelte. Die Strasse war wie schon gesagt voll, und der Mob war unbeeindruckt. Die Bande kam weiter den Berg hinauf und die paar Verhaltensauffälligen wsf'er gingen weiter drauf. Ich kam auch ohne rennen im ersten Aufprall mitten im Geschehen an und stellte auch direkt fest, dass mit einem geschientem Finger keine Ko Schläge zu erwarten sind. Ich hatte mein Gegenüber nur wütend gemacht. Ich denke insgesamt dauerte es keine 20 Sekunden bis der Kampfeswille unserer Seite gebrochen war. Die Jagdszenen zogen sich dann aber über die nächsten 20 Minuten hin, wenn nicht länger.

Es ist erstaunlich, wie schnell man bei entsprechender Hose voll, Zäune und Hecken überwinden kann.

Zur Ehrenrettung halten unsere Jungs aber hartnäckig an der Geschichte von den 150 kinderfressenden Massenmördern als Gegner fest.
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#3
Ich hab noch eine schöne Anekdote.

Stuttgart hieß noch nicht Legion Süd und Kassel hatte eine recht rührige Bande. Um die 2000er rum.

Ich saß in einem "Söldner"-Bus aus Sachsen, der auf Einladung der Kassler an dem Treffen mit Stuttgart teilnehmen durfte. Es gab von dem ganzen Tanz eine Zeitlang ein Video im Netz. Wie das ganze zu Stande kam und wer wem sein Freund war, weiß ich heute nicht mehr. Wir hatten auf jeden Fall eine schöne kranke Bande im 8-Sitzer zusammen. Ich glaube von 3 sächsischen Vereinen Leute aus der ersten Reihe.

Die Kassler hatten uns zum Treffpunkt gelotzt und wir haben eine ganze Weile auf Stuttgart warten müssen. Doch irgendwann fanden die Jungs den Waldweg und die Ausstellerei begann. Die Zahlen haben den Tag ganz gut gepasst und beide Seiten hatten so um die 30 Leute am Start. 

Wir hatten auf der Hinfahrt schon überlegt, wie man eine eventuelle Niederlage so schmerzarm wie möglich für uns gestalten könnte. Geeinigt haben wir uns darauf, so eng wie möglich auf der rechten Seite zusammen zu bleiben.

Gesagt getan. Kassel hatte recht stabile Jungs aufzuwarten und machte somit einen sehr guten motivierten Eindruck. Ich erinnere mich noch an einen 2m Kerl und einen herrlichen Fussballrocker wie ihn die Westvereine nach der Wende zu Hunderten in unsere Stadien gespült hatten. Bullig, lockige lange Haare, boxernase. Wie ein Lude aus den 80ern. Das waren über die Jahre immer wieder schreckliche Gegner im 1vs1.

Auf jeden Fall wussten die meisten um was es ging und was sie wollten. Als beide Banden Aufstellung nahmen, drängelte sich der örtliche Förster samt Hund aus dem Unterholz. In der Regel heißt das, die Bullen werden alarmiert. Doch der Kerl war total locker. Fragte ob sich jetzt aufs Maul gehauen wird und suchte sich einen Logenplatz auf einem Holzstapel.

Der Aufprall und das erste Gewühle war herrlich chaotisch. Unser Plan zwecks zusammenbleiben, hatte sich aber schon nach Sekunden erledigt. 2 Jungs von uns waren sicher 15..20m weit am Rande der Gegner vorgeprescht.Ich weiß nur, daß ich irgendwann, irgendwie in der Mitte des Waldweges meine Hassmaske versucht habe zu richten, da ich überhaupt nichts mehr gesehen hatte. Später wurde da dann mehr auf die Fixierung geachtet. Als mir das halbwegs gelungen war, hörte ich jemanden aufgeregt rufen und zog den Kopf ein, was mir einen Volltreffer erspart hat. Auf der einen Seite war ich über er die Warnung froh, andererseits hätte er den Angreifer auch umhauen können und den Ruf somit überflüssig. Aber was soll die Haarspalterei. Die Aktion war aber auch eine der letzten im Getümmel. Die Stuttgarter hatten sich 30..40m zurückgezogen, standen aber noch zusammen und aufrecht. Unsere Seite hatte wohl das meiste Pulver verschossen und keinen Zug mehr um nachzusetzen. 

Die Stuttgarter formierten sich aber weiter und machten sich bereit für einen 2. Anlauf.
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#4
Ein 2. Anlauf alle gegen alle ist eher ungewöhnlich. Doch hier eröffnete ein voll motivierter Stuttgarter ohne viel gewese den erneuten Ansturm. Mit sicher 10m Vorsprung krachte er in unsere Mitte. Wieder viel Durcheinander und Gewühle. Der Waldweg gab auch keinen Raum für viele Einzelkämpfe. Ich näherte mich einem langen schlachsigen Stuttgarter eher seitlich als frontal. Dieser wand sich aber im letzten Moment in meine Richtung. Er sagte irgendwas und mir viel auf, das er keinen Mundschutz trug und die Zähne in der Art "ein Zahn, kein Zahn" trug. Ich unterbrach den Schlag verwirrt und kassierte einen Volltreffer. Ich schluckte noch 2..3 Schläge ehe er sich mit den anderen langsam zurück zog. Im Nachgang stellte sich wohl heraus, daß der Bursche ein Stadtbekannter Kickboxer war, und ich durch mein zögern wohl meine einzige Chance auf einen Treffer verspielt hatte. Wir hatten also wieder ein paar Meter Boden gut gemacht, aber beileibe keinen Sieg eingefahren.

Und jetzt wurde es zu einem Unikum. Stuttgart bereitete sich auf einen 3. Anlauf vor.

Nach einigem Verschnaufen stürmte der gleiche Bursche wie in der 2. Runde im unsere Mitte. Diesmal knockte ihn aber einer unserer Boxer beim Einschlag direkt aus.

Der Rest rammte sich aber kurz darauf ein weiteres mal in unsere Reihen. Ich hatte es, als sich alles in Einzelkämpfe auflöste, mit einem jungen dratigen Kerl mit 30kg weniger zu tun. Ich war so verspannt und langsam geworden, dass ich obwohl wir fast Nase an Nase standen, keinen Treffer landen konnte. Er brachte aber durch den Masseunterschied auch keinen Wirkungstreffer an. Als aber einer meiner Mitfahrer ohne einzugreifen vorbei lief, war ich doppelt frustriert. Die 3 runde endete ebenfalls ohne einen eindeutigen Sieger. So wie ich mich dann Ergebnislos von dem Jungschen trennte, lösten sich alle Kämpfer mehr oder weniger voneinander.

Somit war aber Tür und Tor für ein gemeinsames Gruppenfoto Stuttgart/Kassel geöffnet. Mir viel damals die kinnlade sowas von herunter. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wir Sachsen wollten den Tag auf biegen und brechen den Sieg. Die Jungs aus Stuttgart und Kassel hatten die Sache aber anders verstanden. Irgendwie aber auch ein grosser fair play Moment.
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#5
Nett zu lesende alte Kamellen, danke.
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#6
Und was für Stuttgarter sollen das gewesen sein?
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#7
(20.08.2018, 16:09)holgilein11 schrieb: Und was für Stuttgarter sollen das gewesen sein?

Ich denke die Stuttgarter, die damals ans Telefon gegangen sind, wenn die damalige Telefonelle aus Kassel angeklingelt hat. 

Den Stuttgarter, der damals immer wieder vorne weg stürmte, hab ich Jahre später immer noch aktiv in Stuttgart erlebt, als Chelsea auf dem weg zum CL Finale zwischenstoppte.
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#8
(20.08.2018, 16:32)Hol die Gans schrieb:
(20.08.2018, 16:09)holgilein11 schrieb: Und was für Stuttgarter sollen das gewesen sein?

Ich denke die Stuttgarter, die damals ans Telefon gegangen sind, wenn die damalige Telefonelle aus Kassel angeklingelt hat. 

Den Stuttgarter, der damals immer wieder vorne weg stürmte, hab ich Jahre später immer noch aktiv in Stuttgart erlebt, als Chelsea auf dem weg zum CL Finale zwischenstoppte.

Du hast meine frage nicht beantwortet, was für welche Stuttgarter sollen das gewesen sein, was für ein Gruppe?
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#9
Keine Ahnung. 
Wie schon Geschrieben gab es die Legion Süd damals meins  Wissens noch nicht. Wüsste auch nicht, dass ein Gruppenname gefallen wäre. Kassel hatte auch keine spezielle Bezeichnung.
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#10
Ich halte grundsätzlich nur sehr wenig von englischen Hooligans. In Jungen Jahren war es mir egal, da man in unteren Ligen mit dem eigenen Club unterwegs war. Somit kam man sich nicht mit Vereinen von der Insel ins Gehege. Später wurde ich aber zum Fussball-Nomaden und trieb mich immer wieder im Lande bei 1. Liga Clubs herum. Und die hatten in Verschiedenen Konstellationen natürlich auch immer wieder mit Engländern zu tun. Ich will nicht sagen, dass es nicht teilweise aufregend war, aber die die Wahnsinnigen aus den Filmen, habe ich nie erlebt. Der gemeine Engländer aus meinen Erfahrungen verharrt hartnäckig in seiner okupierten Kneipe und erwartet einen Überfall über das Klofenster.
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